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Freitag, 09.Januar 2015

Thema | Seite 3


Die Wurzeln der schrecklichen Ereignisse in Paris liegen in der misslungenen Integration von Parallelgesellschaften

Der fruchtbare Schoss

Von Charles Lewinsky

In meinem kleinen französischen Dorf liest niemand ­Charlie Hebdo. Am Zeitschriftenständer im Supermarkt der nächsten Kleinstadt – der einzigen Quelle, seitdem der letzte Zeitungs­händler seinen Laden dichtgemacht hat – ist das Blatt nicht zu finden. Hier hat man den Est ­Républicain abonniert, und wenn der Karikaturen bringt, dann sind sie so harmlos, als ob sie direkt aus dem Nebelspalter stammten.

Die verletzend scharfe Bildsprache etwa des ermordeten Georges Wolinski würde im Dorf auch nicht geschätzt – obwohl manche anerkennend nicken würden, wenn es gegen den Islam geht. Aber wenn sie über die schrecklichen Ereignisse in Paris diskutieren, dann schütteln sie besserwisserisch den Kopf und meinen: «Man darf solche Leute eben nicht reizen, wo doch jeder weiss, dass Muslime immer nur an Mord und Totschlag denken.» Und bei der ­nächsten Wahl werden sie mit noch mehr Überzeugung ihr Kreuzchen neben den Kandidaten des Front ­National machen.

Wenn jetzt die Medien ausführlich über die Solidaritätskundgebungen für die ermordeten Journalisten und ­Karikaturisten berichten, wenn sie uns immer wieder die Bilder von Leuten zeigen, die Bleistifte in die Luft strecken oder Schilder mit der Aufschrift «Je suis Charlie» vor die Kameras halten, dann geben sie, befürchte ich, die ­Stimmung im Land nicht so wieder, wie man sie im Gespräch auf der Strasse wahrnimmt.

Zumindest in meinem kleinen Dorf.

Die veröffentlichte Meinung, befürchte ich, ist ganz und gar nicht dasselbe wie die Meinung der Öffentlichkeit. In der France profonde, wie man in unserem Nachbarland die ­Provinz nennt, sind Karikaturis­ten mit spitzen Bleistiften nämlich fast so un­­beliebt wie Terroristen mit Kalaschnikows. Beide stören sie die heile Welt, an die man sich in Frankreich wie bei uns gerade deshalb so gern erinnert, weil es sie nie gegeben hat. «Früher», sagt mein Nachbar bei jeder Gelegenheit, «früher hätte es so etwas nicht gegeben.» Und er meint damit alles, was ihm bedrohlich erscheint, von einer Senkung des ­Rentenalters bis zur Affäre Hollande–Trierweiler.

Leute, die Journalisten ermorden, da ist sich mein Nachbar ausnahmsweise mit den Politikern einig, die er sonst alle verachtet, solche Leute dürfte es in Frankreich nicht geben. Was man mit ihnen anstellen müsste, weiss er auch: einsperren, hinrichten oder zumindest ausweisen. Einfach alle ­ausweisen! Und wenn man ihn darauf aufmerksam macht, dass die mutmasslichen Täter französische Staatsbürger sind, dann sagt er nur abschätzig: «Ah …» Womit er meint: «Sie als Schweizer haben natürlich keine Ahnung. Leute, die aus Algerien oder sonst woher stammen, sind noch lange keine richtigen Franzosen, auch wenn sie schon in der zweiten oder dritten Generation hier leben.»

Für ihn sind das alles primär Fremde, genau wie diese Karikatur­isten mit ihren unmöglichen Frisuren und ihren unmöglichen Zeichnungen. «Wolinski», denkt er wahrscheinlich, auch wenn er das nicht laut ausspricht, «das ist noch nicht einmal ein französischer Name.»

Hier, und überhaupt nicht in der Religion, scheint mir die Wurzel der Katastrophe zu liegen, unter der Frankreich im Moment zu leiden hat, und vor der wir im Rest Europas keineswegs gefeit sind. Das eigentliche Problem liegt nicht im aggressiven Islamismus selber, sondern in der Frage: Was bringt junge Menschen dazu, sich einer solchen pseudoreligiösen kriminellen Organisation anzuschliessen und in ihrem Namen die schlimmsten Gräueltaten zu begehen? Was macht einen Teenager aus Paris oder ein junges Mädchen aus Berlin so empfänglich für die kruden Gedankengänge einer ­fundamentalistischen Sekte, die sich von ihrem Propheten dazu berufen glaubt, alle Andersdenkenden auf ­grausamste Weise abzuschlachten oder zu versklaven?

Die Antwort, davon bin ich überzeugt, findet sich nicht in der Auseinandersetzung mit dem Koran. Darüber zu diskutieren, ob eine Sure wörtlich oder im übertragenen Sinn zu verstehen ist, erscheint mir in etwa so sinnvoll wie die Debatten der mittelalterlichen Theologen darüber, wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz haben. Denn letzten Endes geht es gar nicht um Religion. Es geht um die scheinbare Sicherheit, die eine simplizistische Welt­anschauung Menschen bieten kann, die sich in ihrem eigenen Land als Fremde behandelt sehen und deshalb an dem Platz, den ihnen die Gesellschaft zugewiesen hat, keine Sicherheit finden. Keine Sicherheit und keine Zukunft.

Das Massaker in den Redaktionsräumen von Charlie Hebdo war kein Angriff auf die Presse­freiheit. Ich vermute, dass die Verbrecher, die dieses Massaker anrichteten, noch nicht einmal zu ­definieren wüssten, was Pressefreiheit eigentlich bedeutet. Für sie wäre das bestenfalls ein hohler Begriff aus einer fremden Welt, aus einer Welt, die ihnen von Kindesbeinen an deutlich gemacht hat, dass sie in ihr keinen Platz haben.

Wer in der Gesellschaft keine Chance für sich sieht, ist irgendwann bereit, hinter jedem Rattenfänger herzumarschieren, der ihm erklärt: «Schliess dich uns an, dann gehörst du ab sofort zur Elite.» Welche Melodien dieser Rattenfänger auf seiner Flöte bläst, spielt dabei nicht die primäre Rolle. So verschieden sind die Mechanismen gar nicht, die den einen sich den selbsternannten Mörder-Kalifen zum Vorbild erwählen lassen und den andern Marine Le Pen, die auch schon wieder mit der Todesstrafe liebäugelt.

Wer Extremisten jeden Kalibers bekämpfen und unsere auf Demokratie und Toleranz aufgebaute Staatsordnung erhalten will, muss vor allem dafür sorgen, dass man auch in den Quartiers chauds von Paris mit der Hoffnung aufwachsen kann, ein an­­erkannter Platz in der Gesellschaft sei erreichbar. Denn die Hoffnung stirbt nicht zuletzt, sondern zuerst. Und erst aus der Hoffnungslosigkeit erwächst Fanatismus jeder Couleur.

Ist also eine bessere Integration das Allheilmittel? Nein – denn Allheilmittel gibt es nicht. Aber eine Gesellschaft, die nicht allen ihren Mitgliedern eine Chance geben kann, hat auf die Dauer auch selber keine Chance. Solang eine Jugend im Sozialhilfe-Getto bedeutet, dass man über die unterste Sprosse der Karriereleiter nie hinauskommen wird, bleiben auch die abstrusesten Heils­versprechungen noch verlockend. Solang wird auch der Satz Bertolt Brechts weiter traurige Wahrheit bleiben: «Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.» Solang unsere offene Gesellschaft nicht wirklich für alle offen ist, wird das Attentat von Paris nicht das letzte gewesen sein.

Die Integration von Parallel­gesellschaften ist eine der drängendsten Aufgaben, vor denen wir stehen. Es ist eine schwierige, kostspielige und oft frustrierende Aufgabe. Da ist es schon viel leichter, einen Abend lang auf die Stras­se zu gehen und Bleistifte in die Höhe zu halten.

Oder, wie in meinem kleinen französischen Dorf, den Kopf zu schütteln und zu sagen: «Früher wäre das nicht passiert.»

Der Schriftsteller Charles Lewinsky (68) lebt in Zürich und in der Franche-Comté, wo er sich vor allem aufhält, wenn er an seinen Romanen schreibt.

Welche Melodien der Rattenfänger auf seiner Flöte bläst, spielt nicht die primäre Rolle.

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