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Dienstag, 13.November 2012

Thema | Seite 2


Blick auf einen Grenzgänger

Ein Streifzug durch die Welt des Ralph Grosse-Bley, Chefredaktor des Boulevardblattes «Blick»

Von Michael Bahnerth

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Zürich. Er war Bestatter und mochte Kinder mehr als gut war. Theo G. liebte Jungs im Stimmbruchalter in seinem Leichenwagen, ob sie wollten oder nicht. Ralph Grosse-Bley, der «Blick»-Chefredaktor, schickte im April seinen besten Mann an den Tatort im Solothurnischen. Die Geschichte gab einen Primeur und zwei Schlagzeilen: «Ich wurde im Leichenwagen missbraucht» und «Mich hat er beim Jassen missbraucht». Es gab ein Bild des Bestatters, die Augen- und Nasenpartie waren von einem schwarzen Balken verdeckt. Grosse-­Bley hat den Balken extra gross gemacht, wie er damals sagte. Für Theo G. war er zu schmal. Er erhängte sich in der Zelle. «Boulevard», sagt Grosse-­Bley, «ist ein Grenzgängergeschäft.»

Der «Blick»: Momentane Auflage – noch 191 064 bezahlte Zeitungen, halb so viel wie in den besten Tagen. Dafür gibt es Gründe. Der Auslandsvertrieb wurde eingestellt. Es gibt Konkurrenz: «Jede Zeitung macht heute auch Boulevard», sagt Grosse-Bley, der Mann aus Deutschland. Andere sagen, das Experiment mit einem deutschen Chefredaktor sei gescheitert, auch, weil er die emotionalen Mechanismen der Schweiz nicht verstehe. Was Grosse-Bley versteht, ist: «Es reicht nicht mehr, nach einem Unfall nur ein kaputtes Auto zu zeigen. Das ist zu wenig Emotion.» Im März, nach dem Busunglück in einem Walliser Tunnel und 22 toten Kindern aus Belgien, zeigte Grosse-Bley die Fotos eines Kindes, vorher/nachher. Das Bild des noch lebenden Kindes hat der «Blick» von den Eltern des toten Kindes bekommen: «Witwen schütteln» heisst das in der Branche.

Kompromisslos

Es gibt diesen Satz von Hemingway, dass die Welt jeden einmal zerbricht. Wahrscheinlich gilt er für den aktuellen Chefredaktor des «Blick» nicht. Ralph Grosse-Bley, 52, den die einen für geschmacklos und die andern für einen Boulevardprofi halten, kommt daher, als ob er nie zerbrochen wäre und dass er nicht vorhat, in der nächsten Zeit am Gerangel mit den Fährnissen seines wirkenden Seins zu Bruch zu gehen. Vermutlich sind die Risse in seiner Existenz so unsichtbar wie jene am Meeres­boden, und wenn sich die tektonischen Platten seines Lebens bewegen, passiert nichts, ausser dass an der Oberfläche für die andern ein Tsunami droht. Er ist nicht Herman Melvilles Kapitän Ahab aus «Moby Dick», der einen privaten Feldzug der Vernichtung führt, obwohl er mit dem Jäger des weissen Wals die Kompromisslosigkeit teilt. RGB, wie man ihn nennt, wirkt eher wie der letzte Cowboy, allein da draussen in der schweizerischen Boulevard-Prärie, eine Mischung aus Nachlassverwalter und Retter für einen einbrechenden «Blick».

Wie bei jedem Cowboy ist auch RGBs Wertesystem: Es gibt meine Prärie oder keine. Er glaubt an das Recht des Stärkeren. In Zürich, unten bei der Pumpstation an der Seepromenande, bei Bratwurst und saurem Most von Ramseier, einem, wenn man so will, Schweizer Essen, das in dieser Kombination nur Deutsche bestellen, sagt er: «Ich hab nichts gegen schwächere Kollegen in meiner Redaktion. Aber ich kann auf den Tod nicht ausstehen, wenn ich merke, dass sie illoyal sind.» Im Falle von Illoyalität zieht er den Colt und macht reinen Tisch: «Wenn ich einen beerdigt habe, dann ist Schluss.»

Um zu verstehen, wie sehr RGB konsequent ist in seiner unerbittlichen Ehrlichkeit und schnörkellosen Gradlinigkeit, einer Kompromisslosigkeit, die beides ist, erfrischend und arrogant und selbstverliebt wahrscheinlich auch, die aber in der Schweiz, wo man immer noch «Mit freundlichen Grüssen» schreibt, auch wenn man Arschloch meint, verpönt ist, ein Satz von RGB: «Warum soll ich jemanden einen guten Morgen wünschen, dem ich keinen guten Morgen wünsche. Warum?» Aber möglicherweise ist das alles viel zu weit hergeholt, und Grosse-Bley ist auch nur eine deutsche Eiche, die in der Schweiz einen Boden gefunden hat, um endlich ungehindert zu wirken wie ein Wald.

Ralph Grosse-Bley, 20 Jahre Boulevard-Journalismus im Gepäck, über 1.90 gross, Schuhgrösse wahrscheinlich 46, meist grauer Anzug und weisses Hemd. Rolex Submariner am linken Handgelenk, am rechten ein rotes geflochtenes Bändchen, ein Geschenk von seiner 18-jährigen Tochter. Es hängt da, nicht wie eine Antithese, sondern wie ein Gefühl, das er nicht verlieren möchte. RGB das erste Mal angetroffen vor gut einem Monat in Visp. «Blick on Tour» hiess die Veranstaltung. Jene, denen RGB suspekt ist, sagen, die Show diene dazu, dass er die Schweiz kennenlerne und vor allem die Schweiz ihn. Aber will er das? Weil er, wie alle Cowboys, nur tun will, was er für richtig und wichtig hält. Wenn er «Kompromisse» sagt, klingt das wie «mit freundlichen Grüssen».

Einsamer Wolf

Eines seiner ersten, raren Interviews als «Blick»-Chef gab er nicht, weil er wollte, sondern weil der aktuelle Ringier-Generalverwalter Marc Walder und der Kommunikationschef ihn dazu, na ja, ermunterten. Er sucht nicht die Öffentlichkeit, sondern Geschichten. Politisch bezeichnet er sich als Wertkonservativer, das ist keine Über­raschung. Linke können keinen Boulevard, hat damit zu tun, dass sie zu sehr an das Gute im Menschen glauben. Gute Politik in RGBs Geschäft ist eine, die Schlagzeilen liefert. RGB ist einer, der sich immer an sich selbst festhält. Das macht ihn trotz allem gelegent­lichen «Die Welt, das bin immer ich Gehabe», sympathisch, einsam auch. Er ist ein Mann, der Boulevard machen will, koste es, was es wolle, den besten, den es gibt, seinen. Und das ist schnörkelloser Boulevard der grossen Emotionen, egal ob in Zimbabwe oder Zürich. Er will nicht geliebt werden, nicht von der Redaktion, nicht von der Schweiz, sagt er immer wieder. Auf die Frage, wie es ist, ein Arschloch zu sein als Deutscher in der Schweiz und dann als «Blick»-Chef, antwortet er: «Das ist im Lohn inbegriffen.» Liebt er sich selbst, könnte man sich fragen. Die Antwort ist: Es bleibt ihm nichts anderes übrig. Er ist ein einsamer Wolf.

Stand da in Visp nach der Talk-Runde, der Mann aus Andernach in Rheinland-Pfalz, allein unter 100. Nicht verloren, eher unbeteiligt. Glas Johannisberg in der Hand. Checkte das Handy hin und wieder. Die Schweiz spielte gerade gegen Island. Es stand 0:0, immer noch. «Wenn Hitzfeld verliert, dann schreiben wir ihn weg», sagte er. Fussball ist RGBs Leidenschaft. Schaut Bundesliga jeden Samstag, «und wenn irgendwas Brauchbares im Schweizer Fussball ist, dann das auch.» Fussball, ein Bubentraum, er spielte selbst, war «ein bisschen mehr als brauchbar», wie er sagt, hätte es vielleicht in die zweite Liga geschafft. Als Willensfussballer. Er verletzte sich, machte Abitur, wurde Sportreporter bei der «Rheinzeitung», studierte nebenher, brach aber kurz vor Ende ab, weil er lieber Geld verdienen wollte. Ging zu einer Agentur nach Bonn, Nachrichtenjournalist, kehrte zurück zur «Rheinzeitung», wurde Chef­reporter, liess sich scheiden, kam zur «Bild»-Zeitung, übernahm die Hoheit über die Berichterstattung im schmutzigen und wilden Osten.

Wahrscheinlich wäre er bei der «Bild» zuerst stellvertretender Chef­redaktor geworden und vielleicht auch Chefredaktor. Vielleicht hätte dazu genügt, einmal einem einen guten Morgen zu wünschen, dem man keinen ­guten Morgen wünscht. Aber wie die meisten Menschen kann auch RGB nicht über seinen Schatten springen. Er nennt es «Gerechtigkeitssinn», andere «Rechthaberei», und sicher ist nur, dass er damit geboren wurde. In der Schule drohte er Lehrern, dass es eines an die Ohren gebe, wenn sie nochmals ein falsches Wort sagten. Man kann das mangelnde Systemkompatibilität nennen. Nachdem er bei «Bild» über sein Kaumvorhandensein von Diplomatie und Arschleckertum gestolpert war, fuhr die Boulevard-Maschine in der Schweiz ein. Zuerst als Textchef beim «Sonntagsblick». Seine Frau schrieb die Geschichte um die angebliche Sex-Affäre des Schweizer Botschafters Thomas Borer. «Blick» musste damals über eine Million Franken Schaden­ersatz zahlen. RGB ging «einvernehmlich», nahm eine Auszeit in der Südsee, weil «ich schon als Kind wissen wollte, wie das mit der Datumsgrenze funktioniert».

Zwischen Halbgott und Despot

Seit 2010 ist er «Mr. Blick». «Als ich hierherkam, sagte ich mir, dass ich im Grunde nur eine Chance habe, wenn ich den Leuten beweisen kann, dass ich von ihnen nichts fordere, was ich nicht selber leiste.» Unnötig zu sagen, dass er von sich selbst stets alles fordert. Es könnte sein, dass die Reibung RGBs an der Welt daran liegt, dass ihn die Welt nicht ­versteht. Aktuell sind das gerade Teile seiner Redaktion, dazu eigentlich alle Medienjournalisten des Landes. Die Schweiz um ihn herum auch. Regt sich auf, das Land, wenn er «Bahner» titelt anstatt «Bähnler». Wenn er «Papp­nasen» schreibt und sagt, die Frau sei «breit» gewesen, anstatt «bsoffe». Ist das nicht scheissegal, ob Bahner oder Bähnler; die Schlagzeile bleibt gut. Vielleicht ist es ja auch so, dass sich keiner traut, das Alphatier RGB zu verbessern, weil er Duelle besser kann. «Es ist ja nicht so», sagt er zu seiner Verteidigung wider die Germanisierung, «dass ich im freien Raum bin. Um mich herum sind ja Schweizer. Ein Text wird vier Mal gelesen. Und wenn dann da immer noch Bahner steht und das ein Problem ist, hat einer gepennt.»

Das Problem im «Blick»-Newsroom, dem Ort, an dem seit zwei Jahren laut CEO Marc Walder «industrieller Journalismus» produziert wird und RGB seine Wirkungsstätte hat, scheint zu sein, dass der Newsroom, ins Leben gerufen von der Ringier-Teppichetage, an sich offenbar ein Problem ist. Insgesamt vier Chefredaktoren, alle unter Erfolgsdruck, teilen sich 200 Journalisten. Wer einen braucht, nimmt sich einen, vorzugsweise den besten. Wenn der schon weg ist, hat er Pech gehabt. Da ist eine Struktur, die Ellenbogenkämpfen entgegenkommt. Zudem sind sich die Chefredaktoren nicht immer schlüssig über die Qualität von Schreibern. Möchte RGB einen entlassen, «weil der auch redigiert im Blatt eigentlich nichts zu suchen hat», findet sich ein anderer Chefredaktor, der denselben gut findet. Vor diesem Hintergrund muss man auch den Satz von RGB verstehen: «Ich kann heute nicht mehr Leute entlassen.»

Auf die Frage, ob er glücklich sei mit dem, was er tue, antwortet RGB: «Ich bin grundsätzlich glücklich mit dem Blattmachen, dem Boulevard. Aber die Umstände, wie sie sich im Newsroom gestalten, stellen sich bisweilen schwierig dar.» Was er wohl meint, ist Folgendes: RGB, Alphatier von Haus aus, ist es gewohnt zu entscheiden. Newsroom aber, so sagt er, heisse Kompromisse machen, was Ressourcen und Personal anginge. «Und der Newsroom ist eine Küche, in der immer gekocht wird. Es gibt nach dem Essen keine Reflexion, ob es geschmeckt hat.»

RGB steckt gerade in einer reflektiven Phase. Nicht mal so sehr, weil er ein Perfektionist ist, der zu rascher Ungeduld neigt, was in der Summe einen Halbgott macht oder einen Despoten, je nach Tagesform. Auch nicht, weil der Rohstoff um ihn herum, mit dem er seine Vision eines Boulevardstils verwirklichen muss, zu wünschen übrig lässt. Da ist, nebst dem Newsroom, die ereignislose Schweiz. Kaum Promis, kein Star-Alkoholiker mit Sexsucht, der in TV-Shows auf die Schweiz kotzt, kein Politiker, der ein glamouröses Doppel­leben führte. Da ist ein Ringier-Konzern, der lange Boulevard intellektuell salonfähig machen wollte, weil sich die Verleger und ihr Rasputin Frank A. Meyer für ein Boulevard-Kampfblatt schämten. Aber Boulevard, der kastriert ist, funktioniert nicht. Und macht man Boulevard hierzulande trotzdem laut und derb und schmutzig wie das Leben, rufen die helvetischen Bedenkenträger, man verlasse die Sphären dessen, was als noch anständig gilt, und die vermeintlichen Opfer kommen mit Anwälten, es wird teuer, Entschädigungszahlungen, und die Verlagsbosse ziehen den Schwanz ein, wenn es hart auf hart kommt und Armeen von Anwälten auf die Redaktion zustürmen. «Erregungskultur», nennt RGB das.

Und mittendrin in dieser unerfreulichen Gemengelage steckt RGB. Auflageschwund, da ist ein Konzern, der sich immer weniger am Verlagsgeschäft und immer mehr im Unterhaltungsbusiness orientiert. Und da ist also ein Deutscher, dem es im Grunde am Arsch vorbeigeht, ob der «Blick» ein Stück Schweizer Idendität ist. Dessen Reli­gion Boulevard in Reinkultur ist, die schonungslos schmutzige Seite der Welt. Dessen Problem auch ist, dass sich die Schweiz für viel sauberer, anständiger hält als der Rest der Welt.

Da fährt ein Bus voller Kinder im Wallis in die Tunnelwand. Kinder sterben. Es gibt Bilder von diesen Kindern, Vorher-nachher-Bilder, eben noch die Zukunft der Welt, dann nur noch zermantschte Knochen und eine Blut­lache. RGB zeigt sie. Und es gibt einen Aufschrei in der Bourgeoisie des Landes, ob da nicht «ethische Grenzen» gnadenlos überschritten würden, ob man das zeigen dürfe. Wieso denn nicht? Weil es den Kokon des helve­tischen Wohlstandes und Wohlbefindens aufbrechen könnte?

Natürlich ist RGB das, was man eine zum Erfolg verdammte Boulevard-Sau nennt. Ein gnadenloser Macher an der Schnittstelle zwischen Humanismus und Hurerei. Es gibt Leute, die sagen, mit Grosse-Bley wäre das Desaster der deutschen Wehrmacht bei Stalingrad nicht passiert. Schwer zu sagen, ob das für oder gegen ihn spricht. Die Frage ist auch, ob jemand anderer RGB versteht als er selber. Manchmal, wenn er mit Freunden einen getrunken hat, hört er Udo Jürgens. Einmal im Jahr geht er eine knappe Woche nach Mallorca, «dorthin, wo es wehtut», in den Ballermann, dieses urdeutsche Saufland. Ein Trip zwecks Feldforschung und Erdung. Dorthin, wo nicht mehr Bahnhofstrasse ist. Er hört sich an, was jene sagen, für die er eine Zeitung macht.

Jetzt gerade kann man sich fragen, ob einer, der mitsingt zu «Ich war noch niemals in New York», nicht doch von der Welt schon zumindest angeknickst wurde. Im Moment allerdings singt RGB kaum. Nicht, dass es ihm die Sprache verschlagen hätte. Er überlegt sich nur gerade, ob er der Richtige für diesen Job ist. «Ich mache die Dinge mit mir selbst aus», sagt er, «ich stelle mir die Frage, welche Konsequenzen ich daraus ziehe, dass der wirtschaftliche Erfolg nicht wirklich da ist, die Lage angespannt. Ich muss mir klar werden, ob ich zufrieden bin. Weil mein Lob ist der wirtschaftliche Erfolg.» Und dann ist da die Frage, die bleibt: Geht einer wie RGB, bevor er zerbricht? Damit er in der nächsten Prärie wieder ein Cowboy sein kann?

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